So werden wir keine Freunde

EulenspiegelStayFriends ist als Plattform so interessant wie fallende Blätter im Herbst. Man kann fasziniert hingucken, muss man aber nicht.  Die Seite wäre bis heute mir keinen Blogeintrag wert gewesen. Nicht einmal ihr seltsames Geschäftsgebahren, Bilder, private Nachrichten und andere Informationen zu verpixeln und nur gegen Bezahlung freizuschalten und damit ein wenig an die Praktiken von xxx-Websites zu erinnern.

Auch nicht, dass StayFriends mir ca. wöchentlich eine Mail schreibt. Also immer, wenn mal etwas los ist oder sein könnte. Die Mails sehen dann so aus: „Guck mal, da hat jemand dein Profil besucht!“ mit Link auf meine personalisierte Besucher-Seite. Dort sind allerdings alle Besucherbilder und -namen verpixelt, schließlich bin ich kein zahlender Kunde. Hier funktioniert die Seite aber gut. Ich erfahre sofort, dass ich gegen Abschluss eines 2 Euro-im-Monat-Abos alle Informationen direkt einsehen könnte. Toller Service, aber ich sag mal so: Nein, danke.

Es gibt aber auch Mails wie „Schau mal, da hat jemand an deine Schul-Pinwand gepostet“, wieder nebst Link auf eine Seite, jetzt wahrscheinlich mit Posts an der Schul-Pinwand, von denen ich keinen lesen kann, weil ich kein zahlender Kunde bin. Texte und Namen verpixelt. Gegen Abschluss eines 2 Euro-im-Monat-Abos könnte ich…

Am schönsten aber „Du hast eine private Nachricht von jemandem erhalten“ und Link auf das „Postfach“. Nicht schwer zu erraten: gegen Abschluss eines 2 Euro-im-Monat-Abos könnte ich diese für mich persönlich bestimmte Nachricht dann auch lesen. Anfangs machte ich mir noch ein schlechtes Gewissen, weil die Person, die mich angeschrieben hat, bestimmt nicht weiß, dass ich nicht gucken kann und sich wundert, warum ich nicht antworte. So schlecht dastehen wollte ich doch nicht. War das nicht schnöde 2 Euro im Monat wert?

OK, bis hierhin veranlasste mich StayFriends noch nicht, jemals etwas über die Seite zu sagen. Aber gestern Morgen erhielt ich eine Mail, die war anders.

„Rita [Name von der Red. geändert], wir haben 1 Nachricht freigeschaltet

Als Dankeschön für Ihre Treue haben wir Ihnen Nachrichten Ihres Posteingangs freigeschaltet. Schauen Sie doch gleich, wer an Sie gedacht hatte und melden Sie sich vielleicht mal wieder.“

Da brat mir doch einer nen Storch! Eine Freischaltung, ganz ohne Geld. Jetzt aber schnell gucken. Und herzhaft lachen. Eine Grußkarte vom 1.1.2014. Kein Witz jetzt, Zweitausendvierzehn. Wünscht mir eine Bekannte doch glatt ein frohes neues Jahr.

Danke, StayFriends. Schön, dass man mal was geschenkt kriegt. OK, PNs sind ein Feature, das einem jede Wald-und-Wiesen-Plattform kostenlos anbietet, aber wir wollen mal nicht so sein. Und eine private Nachricht 1 1/3 Jahre später zu lesen ist eine neue Erfahrung für mich in der heute bekanntermaßen so hektischen Zeit. Andere zahlen viel Geld für Entschleunigungstherapien; ich hab StayFriends.

Ach, und wenn ich schon mal warmgeschrieben bin über euch: Ist das für euch eigentlich kein Widerspruch, dass im Leistungsumfang des 2 Euro-Abos versprochen wird, man sähe die Besucher der eigenen Seite, während im Leistungsumfang des 3 Euro-Abos das Incognito-Surfen enthalten ist? In meiner Welt nennt sich das „Fehlen einer zugesicherten Eigenschaft“. 😉

Bildnachweis: Anne Bermüller/ pixelio.de

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(Kein) Tanzverbot am Karfreitag?

289785_web_R_K_by_Rolf Kühnast_pixelio.deUnsere Traditionen sind zumeist religiös induziert. Fast alle Feiertage stammen aus unserem christlichen Kontext. Heute sind viele Deutsche aber nicht mehr gläubig. Und wenn sie es sind, sind sie meist nicht fromm, sie führen kein von der Religion bestimmtes Leben. Junge Leute kennen die ursprüngliche Bedeutung von christlichen Feiertagen kaum noch. Sie kennen die Feste, die dem Handel besonders wichtig sind. Eher sind ihnen aus den USA importierte Festivitäten geläufig als mit der deutschen Kultur verbundene. Sie kennen den rot-gewandeten Weihnachtsmann, dessen Schlitten von Rentieren über den Himmel gezogen wird, sie kennen den Valentinstag, der gar kein Feiertag (mehr) ist, aber offenbar sehr wichtig für die Partnerschaft, und sie wissen, welcher Tag ist, wenn sich Ende Oktober die Menschen gruselig verkleiden. St. Nikolaus und Knecht Ruprecht hingegen sind Geister einer Vergangenheit, die Schulterzucken hervorrufen, wenn man nach ihnen fragt.

Ich bin aufgewachsen in einer Zeit, in der christliche Traditionen unseres Sprachraums uns noch dominanter durch unser Leben führten. Man wurde nicht mehr verbannt und  zumindest in der Stadt  blieb das Mobbing aus, wenn man sonntags nicht zur Kirche ging. Das Bürgertum fühlte sich aber immer noch mehrheitlich verpflichtet, sich den Ritualen zu unterwerfen. Und es hatte ja auch viel Schönes, zur Kommunion oder Konfirmation zu gehen oder seine Kinder hinzuschicken und die Verwandtschaft anschließend mit Sahnetorte abzufüttern. Nicht jeder war von allen Formalien begeistert und manch Kind musste mehr oder weniger sanft gezwungen werden. Aber auch das gehörte dazu: wir lernten, dass nicht alles im Leben Spaß machen würde, es aber auch kein Verderben ist, mal etwas zu tun, das einem aufgezwungen wurde. Und auch, dass das Erzwungene nicht immer schlimm ist, wenn man sich der Situation mal gestellt hat.

Dennoch haben wir uns immer stärker gegen diese Zwänge aufgelehnt. Ich nehme mich nicht aus. Ich selbst bin schon lange nicht mehr Kirchenmitglied, von Frömmigkeit kann keine Rede sein, liegt primär am fehlenden Gottglauben. Die wenigsten folgen heute einer Regel, weil sie überzeugt sind, sondern nur, weil sie müssen. Das gilt für Gesetze genauso wie für Gebote oder gesellschaftliche Rituale/ Gepflogenheiten. Wir haben uns als Individuen befreit. Zuerst und endgültig von einem strafenden Gott. Gegen die Willkür von Behörden und Sicherheitskräften haben wir ausreichend Gesetze erlassen. Wir fürchten in unseren Breitengraden im Grunde nichts mehr. Außer vielleicht, nicht genug Geld zu verdienen, aber das ist eine andere Geschichte.

Doch offenbar geht die Befreiung manchen noch nicht weit genug. Sie möchten sich nicht einem Tanzverbot an den stillen Tagen unterwerfen. Was wahrscheinlich vor allem daran liegt, dass diese Leute nicht wissen, was ein stiller Tag ist. Da sie selbst die Tradition nicht pflegen, wollen sie sich durch die Tradition ihrer christlichen Nachbarn nicht einschränken lassen. Bezeichnenderweise fordert niemand der Wunschtänzer, dass der Feiertag abgeschafft würde und sie arbeiten gehen könnten.

Wie gesagt, auch ich bin nicht fromm und praktiziere Feiertage kaum bis gar nicht. Aber der Karfreitag ist einer der höchsten christlichen Feiertage und noch gibt es Menschen, denen er etwas bedeutet. Es ist Jesus‘ Todestag. Das kann ich respektieren und mich angemessen verhalten. Ich muss keine laute Party feiern, während andere sich besinnen und trauern.

Deutschland hat Angst vor Überfremdung durch Zuwanderung? Vielleicht sollten wir uns lieber fragen, ob wir es nicht selbst sind, die sich entfremden. Von unseren eigenen Traditionen.

Bildnachweis: Rolf Kühnast / pixelio.de

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Neutrales Einmarschieren

Es ist erst ein paarmal Schlafen her, da hat uns unser aller Außenminister im UN-Sicherheitsrat blamiert, indem er sich bei der Abstimmung über die Flugverbotszone enthielt. Begründet hat er das damit, dass wir uns nicht überall militärisch engagieren könnten.

Und nun? Nun erklärt er uns, dass wir Hilfsaktionen für die Bevölkerung militärisch absichern wollen, also doch Soldaten schicken.

Der Ausstieg vom Ausstieg wird jetzt wohl zum Standard-Regierungsprogramm. Und wie das dabei so ist, gleich doppelt blamiert. Einmal bei der Abstimmung und jetzt nochmal, weil wir ja doch mitmachen müssen. Souverän geht anders, Guido!

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Macht vs. Gestaltung

Warum streben Menschen ständig nach Führungspositionen? Warum wird eine Debatte geführt um eine Quote für Frauen in Vorständen und Aufsichtsräten der großen Konzerne? Was ist so wichtig an Machtpositionen?

Es hat Zeiten gegeben (und in einigen Ecken dieser Welt sind die noch nicht überwunden), da war man als König oder Kriegsherr oder in ähnlicher Position tatsächlich Alleinherrscher. Man konnte seine Entscheidungen treffen und egal, wie dämlich sie waren, sie wurden umgesetzt. Kritiker konnte man ggf. einfach hinrichten lassen. Man setzte aber Dinge auch selbst um; zumindest Könige oder Kriegsherren mussten ihre Heere schon noch anführen. Als Alleinherrscher war man definitiv auch Gestalter.

Aber welche Machtpositionen lassen einen hier bei uns eigentlich auch Gestalter sein? Definieren wir zuerst mal Gestaltung: Ich habe eine Idee, eine Vision, Zielvorstellungen. Und dann treffe ich Entscheidungen und tue Dinge, damit diese Vorstellungen Wirklichkeit werden.

Also wo haben wir denn sogenannte Machtpositionen? Einmal in der Wirtschaft, d. h. ich kann Führungskraft werden und mich auf der Leiter bis zum Vorstand oder Aufsichtsrat hochhangeln. Und in der Politik, wo ich erst in der Partei Karriere mache und dann evtl. kommunal, auf Landes- und dann vielleicht auf Bundesebene. Minister, Kanzler oder Präsident.

Nun, es ist sicher so, dass man gelegentlich eigene Ideen einbringen kann und dass diese auch im eigenen Einflussbereich umgesetzt werden. Aber ist es nicht auch so, dass man überwiegend von anderen Umständen getrieben wird? Am deutlichsten wird’s in der Politik, finde ich. Wird man da nicht ständig vom Tagesgeschäft ferngesteuert? Kann man da wirklich selbst in Ruhe seine eigenen Vorstellungen umsetzen? Da will man sich mal in Ruhe die revolutionären Vorgänge im arabischen Raum angucken und plötzlich zwingt einen jemand, sich für oder gegen einen Krieg zu entscheiden. Da will man ordentlich Atompolitik betreiben und bei den Japanern geht ein AKW kaputt. Da will man einen Bahnhof umbauen und das blöde Volk protestiert dagegen. Und worst case of all: Da hat man mal ein paar Gesetze angeschoben und schon wird man abgewählt.

Deshalb ist die wichtigste Aufgabe der Spitzenpolitiker: Reden. Überzeugen, notfalls überreden, den Erklärbär machen, damit alle die, die einem die eigenen Ideen kaputt machen können, dies nicht tun wollen. Klingt das nach Macht? Mich erinnert das eher an die finsteren Tage der eigenen Kindheit als man dauernd fragen musste, ob man nun etwas dürfe. Und kaum hatte man die Erlaubnis, ging das Zittern los, ob’s dabei auch bliebe. Denn jede weitere Situation, in der man sich nicht so fügte wie Mutter das wollte, konnte wieder zu einem Entzug der Genehmigung führen.

Konzernchefen geht’s wahrscheinlich meist auch nicht anders. Oft genug sind sie am wenigsten in der eigenen Firma unterwegs. Sie betreiben Lobbyarbeit, erklären den Shareholdern, dass alles gut ist, schmieden Allianzen, beschwichtigen Betriebsräte und Gewerkschaften. Auch hier der Erklärbär. Als Vorstandschef ist man sicherlich auch alles andere als Alleinherrscher. Heute guckt einen niemand mehr mit großen Kulleraugen an, weil er glücklich ist, dass der Herr Generaldirektor einen überhaupt zur Kenntnis nimmt. Die „Gläubigkeit“ und Folgsamkeit ist eher gering bis gar nicht ausgeprägt. Jeder, der mag, kann einem symbolisch gegen das Schienbein treten und diese Möglichkeit nutzen die meisten auch.

Entscheidungen treffen sich heute nicht mehr wirklich per Anordnung. Aber wie sieht es mit dem Machen aus? Das muss man doch ausschließlich den Mitarbeitern überlassen. Arbeitet man selbst noch an konkreten Projekten oder nur noch an der nächsten Rede (falls nicht sogar die auch von einem Sekretär vorbereitet wird)? Minister kommen und gehen, in den Ministerien aber sitzen die Menschen, die Politik konkretisieren. Und noch selten hat ein Wechsel eines Vorstands einen Wechsel in der Geschäftspolitik eines Konzerns bewirkt.

Es wird gemeinhin laut beklagt, dass Frauen zu wenig in solchen Führungspositionen vertreten sind. In eigentümergeführten Unternehmen hingegen gibt es durchaus viele Frauen an der Spitze. Nämlich da, wo es nicht um Politik und den Erklärbären geht, sondern vielleicht tatsächlich noch ums Gestalten, Anpacken, Umsetzen. Da wo Selbstverwirklichung noch funktioniert?

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Mäntelchen im Wind

Politiker sind mir ja oft genug zuwider. Idealisten sind in diesem Beruf nicht mehr unterwegs. Man äußert seine „Meinung“ abhängig vom (Wahl-)Kalender. Sogar Parteiprogramme und Grundsätze wurden in den letzten Jahren so oft mit eigenen Füßen getreten, dass der gemeine Wähler im Zweifelsfall auch nicht mehr wusste, welche Partei jetzt wofür stand. Und wie unwichtig Bürgermeinung ist, wenn grade nicht Wahl ist, hat man bei den Demos gegen Stuttgart 21 gesehen.

Aber so offensichtlich wie CDU und FDP derzeit in der Atompolitik haben sie sich noch selten gezeigt. Jetzt haben sie alle verstanden. Ja, was denn?! Genau. Dass das Volk nicht mehr mag und dass es böse Watschen an den Urnen geben wird. Und schon laufen die üblichen Mechanismen. Die Atomlobby, gestern noch bester Kumpel, mit dem man sich einen schönen Plan zurecht gezimmert und mit Schampus begossen hat, um nochmal richtig Asche zu machen, ist plötzlich alleiniger Buhmann der Nation. Aber auch nur, weil sich ein Wirtschaftsminister verquatscht und das auch noch protokollieren lässt. Da war der schöne Plan futsch, das Volk kurzfristig ruhig zu stellen und dann zur Tagesordnung zurückzukehren.

Richtig süß find ich aber Frau von der Leyen. Sie gesteht nun offen, dass die CDU die Energiewende verschlafen hätte. Energiewende? Was für eine Energiewende? Wir haben nicht mal eine Meinungswende – im Volk. Mag sein, dass jetzt mehr Leute klar gegen Atompolitik Stellung beziehen, die sich vorher darauf verlassen haben, dass die Regierenden schon wissen, wie man den Ausstieg gestalten muss und geglaubt haben, wir hätten „die sichersten Atomkraftwerke der Welt“. Aber für Atomkraftwerke waren wohl die wenigsten; ich dachte, wir wollten alle schon immer den Atomausstieg, waren uns nur über den Zeitpunkt nicht einig. Scheinbar hatte die CDU da einen anderen Plan, denn auch unsere Kanzlerin verkündet nun die Energiewende. Und ich frage mich, was ich an dem Wort „Ausstieg“ falsch verstanden habe.

Frau von der Leyen hat in ihrer zerknirschten Erkenntnisphase jedoch einen Trost. Und das ist ihr Parteikollege Umweltminister Röttgen. Der habe schon 2010 gewarnt. Nein, wirklich?! 2010 schon. Was für ein Visionär! Er verkörpert nun die Glaubwürdigkeit der CDU, die Energiewende erfolgreich umzusetzen. Also ehrlich, das find ich mal richtig kreativ! Guck, Volk, da isser. Der macht’s jetzt. Lasst uns ihm nachfolgen. Ihm, dem Propheten, der schon immer wusste, wie’s geht.

Ich denke darüber nach, Frau von der Leyen. Ich finde das überzeugend. Vielleicht wähl ich doch mal CDU.

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Japans langsamer Tod

Japan gehört zu den größten Mächten der Welt. Wirtschaftlich weit vorne, eine führende Industrienation. Moderne Technik und Infrastruktur. Gebildete Menschen, die fleißig und organisiert sind. Das ist meine Wahrnehmung von Japan. Oder war es zumindest.

Denn dann kam das Erdbeben, ein Tsunami und ein Super-Gau, der bis heute keiner sein soll. Nun, so dachte ich, wenn es jemand hinkriegt, dann die Japaner.

Vielleicht liegt es an der Fokussierung der Berichterstattung, aber ich nehme nicht wahr, dass es Fortschritte bei den Aufräumarbeiten gibt oder bei der Versorgung der Bevölkerung. Überall nur völlige Zerstörung, lediglich freigeräumte Straßen. Ist das schon gut, erwarte ich zu viel?

Und Fukushima? Jeden Tag wechseln sich die Blöcke in ihrer Bedrohlichkeit ab. Der eine qualmt, der andere säuft ab, der nächste hat vom Salz verkrustete Brennstäbe. Mal haben sie Strom, mal nicht, aber bedeutet das noch etwas? Ich hab den Überblick verloren. Wäre es nicht so tragisch, könnte man auch manchmal lachen. Da entschuldigt sich die Betreibergesellschaft anlässlich des 40. Geburtstags von Reaktor 1. Man „bedauere, was aus ihm geworden sei“. Ja, kann man so sagen. Ich bedaure das auch. Wirklich. Und parallel erfährt man dann, dass in Reaktor 2 ein Licht brennt. Und ich frage mich nur noch, ob das vielleicht bloß die Kerze auf der Geburtstagstorte für Reaktor 1 ist.

Es wirkt alles so gepfuscht und hilflos. Meerwasser reinpumpen, um hinterher festzustellen, dass das gar nicht gut ist. Nicht evakuieren und dann der Bevölkerung kein unbelastetes Essen mehr bringen können, weil die LKW in diese Regionen lieber nicht fahren. Ständig wird sich entschuldigt, aber liegt es jetzt nur an meiner nicht-japanischen Mentalität, dass ich denke, dass das nun wirklich niemandem etwas hilft? Das Meer ist verstrahlt, der Boden, das Wasser, die Luft und das Gemüse. Von den Menschen hört man das nicht so, außer vielleicht mal von den Arbeitern, die direkt vor Ort sind.

Die Menschen in Japan können einem wirklich Leid tun. Sie werden häppchenweise informiert, sie sitzen fest, Trinkwasser und Essen sind belastet, der Strom ist rationiert und irgendwie scheint sich kaum jemand um sie zu kümmern. Zehntausende von Toten müssen es nach Erdbeben und Tsunami gewesen sein, aber noch immer weist keine Statistik sie aus. Die Erde bebt immer wieder, aber es interessiert keinen. Ach nein, Moment, Tepco hat sich ja immerhin bei den Flüchtlingen aus Fukushima entschuldigt, „ihnen so viel Mühe gemacht zu haben“. „Da nich für!“ möchte man sagen, „Kann ja mal passieren.“

Japan ist in diesen Tagen für mich sehr viel kleiner geworden. Und während wir alle 24 Stunden am Tag gebannt auf ein paar qualmende Betonwürfel starren, stirbt es. Ganz langsam und ganz leise.

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Kinder und Arbeit

Heute morgen um 7 kam eine unserer Putzfrauen zu mir ins Büro. „Kann ich Chef anrufen hier?“ Na klar. Sie nahm das Telefon und sprach hinein: „Hier Aishe [Name von der Red. geändert]. Habe meine Gedanke geändert. Ich mache.“

Sie legte auf und fühlte sich dann wohl verpflichtet, mir kurz zu erklären, warum das Gespräch nun so wichtig war. „Die suchen jemand für 6 Stunde. Aber für mich schwer mit 4 Kinder zuhause. Aber was soll man mache.“ Sprach’s und ging an ihre Arbeit.

Ja, während in Villabajo noch über die Vereinbarkeit von Kindern und Beruf diskutiert wird, wird in Villariba einfach gemacht.

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