Japans langsamer Tod

Japan gehört zu den größten Mächten der Welt. Wirtschaftlich weit vorne, eine führende Industrienation. Moderne Technik und Infrastruktur. Gebildete Menschen, die fleißig und organisiert sind. Das ist meine Wahrnehmung von Japan. Oder war es zumindest.

Denn dann kam das Erdbeben, ein Tsunami und ein Super-Gau, der bis heute keiner sein soll. Nun, so dachte ich, wenn es jemand hinkriegt, dann die Japaner.

Vielleicht liegt es an der Fokussierung der Berichterstattung, aber ich nehme nicht wahr, dass es Fortschritte bei den Aufräumarbeiten gibt oder bei der Versorgung der Bevölkerung. Überall nur völlige Zerstörung, lediglich freigeräumte Straßen. Ist das schon gut, erwarte ich zu viel?

Und Fukushima? Jeden Tag wechseln sich die Blöcke in ihrer Bedrohlichkeit ab. Der eine qualmt, der andere säuft ab, der nächste hat vom Salz verkrustete Brennstäbe. Mal haben sie Strom, mal nicht, aber bedeutet das noch etwas? Ich hab den Überblick verloren. Wäre es nicht so tragisch, könnte man auch manchmal lachen. Da entschuldigt sich die Betreibergesellschaft anlässlich des 40. Geburtstags von Reaktor 1. Man „bedauere, was aus ihm geworden sei“. Ja, kann man so sagen. Ich bedaure das auch. Wirklich. Und parallel erfährt man dann, dass in Reaktor 2 ein Licht brennt. Und ich frage mich nur noch, ob das vielleicht bloß die Kerze auf der Geburtstagstorte für Reaktor 1 ist.

Es wirkt alles so gepfuscht und hilflos. Meerwasser reinpumpen, um hinterher festzustellen, dass das gar nicht gut ist. Nicht evakuieren und dann der Bevölkerung kein unbelastetes Essen mehr bringen können, weil die LKW in diese Regionen lieber nicht fahren. Ständig wird sich entschuldigt, aber liegt es jetzt nur an meiner nicht-japanischen Mentalität, dass ich denke, dass das nun wirklich niemandem etwas hilft? Das Meer ist verstrahlt, der Boden, das Wasser, die Luft und das Gemüse. Von den Menschen hört man das nicht so, außer vielleicht mal von den Arbeitern, die direkt vor Ort sind.

Die Menschen in Japan können einem wirklich Leid tun. Sie werden häppchenweise informiert, sie sitzen fest, Trinkwasser und Essen sind belastet, der Strom ist rationiert und irgendwie scheint sich kaum jemand um sie zu kümmern. Zehntausende von Toten müssen es nach Erdbeben und Tsunami gewesen sein, aber noch immer weist keine Statistik sie aus. Die Erde bebt immer wieder, aber es interessiert keinen. Ach nein, Moment, Tepco hat sich ja immerhin bei den Flüchtlingen aus Fukushima entschuldigt, „ihnen so viel Mühe gemacht zu haben“. „Da nich für!“ möchte man sagen, „Kann ja mal passieren.“

Japan ist in diesen Tagen für mich sehr viel kleiner geworden. Und während wir alle 24 Stunden am Tag gebannt auf ein paar qualmende Betonwürfel starren, stirbt es. Ganz langsam und ganz leise.

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