Mäntelchen im Wind

Politiker sind mir ja oft genug zuwider. Idealisten sind in diesem Beruf nicht mehr unterwegs. Man äußert seine „Meinung“ abhängig vom (Wahl-)Kalender. Sogar Parteiprogramme und Grundsätze wurden in den letzten Jahren so oft mit eigenen Füßen getreten, dass der gemeine Wähler im Zweifelsfall auch nicht mehr wusste, welche Partei jetzt wofür stand. Und wie unwichtig Bürgermeinung ist, wenn grade nicht Wahl ist, hat man bei den Demos gegen Stuttgart 21 gesehen.

Aber so offensichtlich wie CDU und FDP derzeit in der Atompolitik haben sie sich noch selten gezeigt. Jetzt haben sie alle verstanden. Ja, was denn?! Genau. Dass das Volk nicht mehr mag und dass es böse Watschen an den Urnen geben wird. Und schon laufen die üblichen Mechanismen. Die Atomlobby, gestern noch bester Kumpel, mit dem man sich einen schönen Plan zurecht gezimmert und mit Schampus begossen hat, um nochmal richtig Asche zu machen, ist plötzlich alleiniger Buhmann der Nation. Aber auch nur, weil sich ein Wirtschaftsminister verquatscht und das auch noch protokollieren lässt. Da war der schöne Plan futsch, das Volk kurzfristig ruhig zu stellen und dann zur Tagesordnung zurückzukehren.

Richtig süß find ich aber Frau von der Leyen. Sie gesteht nun offen, dass die CDU die Energiewende verschlafen hätte. Energiewende? Was für eine Energiewende? Wir haben nicht mal eine Meinungswende – im Volk. Mag sein, dass jetzt mehr Leute klar gegen Atompolitik Stellung beziehen, die sich vorher darauf verlassen haben, dass die Regierenden schon wissen, wie man den Ausstieg gestalten muss und geglaubt haben, wir hätten „die sichersten Atomkraftwerke der Welt“. Aber für Atomkraftwerke waren wohl die wenigsten; ich dachte, wir wollten alle schon immer den Atomausstieg, waren uns nur über den Zeitpunkt nicht einig. Scheinbar hatte die CDU da einen anderen Plan, denn auch unsere Kanzlerin verkündet nun die Energiewende. Und ich frage mich, was ich an dem Wort „Ausstieg“ falsch verstanden habe.

Frau von der Leyen hat in ihrer zerknirschten Erkenntnisphase jedoch einen Trost. Und das ist ihr Parteikollege Umweltminister Röttgen. Der habe schon 2010 gewarnt. Nein, wirklich?! 2010 schon. Was für ein Visionär! Er verkörpert nun die Glaubwürdigkeit der CDU, die Energiewende erfolgreich umzusetzen. Also ehrlich, das find ich mal richtig kreativ! Guck, Volk, da isser. Der macht’s jetzt. Lasst uns ihm nachfolgen. Ihm, dem Propheten, der schon immer wusste, wie’s geht.

Ich denke darüber nach, Frau von der Leyen. Ich finde das überzeugend. Vielleicht wähl ich doch mal CDU.

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