Macht vs. Gestaltung

Warum streben Menschen ständig nach Führungspositionen? Warum wird eine Debatte geführt um eine Quote für Frauen in Vorständen und Aufsichtsräten der großen Konzerne? Was ist so wichtig an Machtpositionen?

Es hat Zeiten gegeben (und in einigen Ecken dieser Welt sind die noch nicht überwunden), da war man als König oder Kriegsherr oder in ähnlicher Position tatsächlich Alleinherrscher. Man konnte seine Entscheidungen treffen und egal, wie dämlich sie waren, sie wurden umgesetzt. Kritiker konnte man ggf. einfach hinrichten lassen. Man setzte aber Dinge auch selbst um; zumindest Könige oder Kriegsherren mussten ihre Heere schon noch anführen. Als Alleinherrscher war man definitiv auch Gestalter.

Aber welche Machtpositionen lassen einen hier bei uns eigentlich auch Gestalter sein? Definieren wir zuerst mal Gestaltung: Ich habe eine Idee, eine Vision, Zielvorstellungen. Und dann treffe ich Entscheidungen und tue Dinge, damit diese Vorstellungen Wirklichkeit werden.

Also wo haben wir denn sogenannte Machtpositionen? Einmal in der Wirtschaft, d. h. ich kann Führungskraft werden und mich auf der Leiter bis zum Vorstand oder Aufsichtsrat hochhangeln. Und in der Politik, wo ich erst in der Partei Karriere mache und dann evtl. kommunal, auf Landes- und dann vielleicht auf Bundesebene. Minister, Kanzler oder Präsident.

Nun, es ist sicher so, dass man gelegentlich eigene Ideen einbringen kann und dass diese auch im eigenen Einflussbereich umgesetzt werden. Aber ist es nicht auch so, dass man überwiegend von anderen Umständen getrieben wird? Am deutlichsten wird’s in der Politik, finde ich. Wird man da nicht ständig vom Tagesgeschäft ferngesteuert? Kann man da wirklich selbst in Ruhe seine eigenen Vorstellungen umsetzen? Da will man sich mal in Ruhe die revolutionären Vorgänge im arabischen Raum angucken und plötzlich zwingt einen jemand, sich für oder gegen einen Krieg zu entscheiden. Da will man ordentlich Atompolitik betreiben und bei den Japanern geht ein AKW kaputt. Da will man einen Bahnhof umbauen und das blöde Volk protestiert dagegen. Und worst case of all: Da hat man mal ein paar Gesetze angeschoben und schon wird man abgewählt.

Deshalb ist die wichtigste Aufgabe der Spitzenpolitiker: Reden. Überzeugen, notfalls überreden, den Erklärbär machen, damit alle die, die einem die eigenen Ideen kaputt machen können, dies nicht tun wollen. Klingt das nach Macht? Mich erinnert das eher an die finsteren Tage der eigenen Kindheit als man dauernd fragen musste, ob man nun etwas dürfe. Und kaum hatte man die Erlaubnis, ging das Zittern los, ob’s dabei auch bliebe. Denn jede weitere Situation, in der man sich nicht so fügte wie Mutter das wollte, konnte wieder zu einem Entzug der Genehmigung führen.

Konzernchefen geht’s wahrscheinlich meist auch nicht anders. Oft genug sind sie am wenigsten in der eigenen Firma unterwegs. Sie betreiben Lobbyarbeit, erklären den Shareholdern, dass alles gut ist, schmieden Allianzen, beschwichtigen Betriebsräte und Gewerkschaften. Auch hier der Erklärbär. Als Vorstandschef ist man sicherlich auch alles andere als Alleinherrscher. Heute guckt einen niemand mehr mit großen Kulleraugen an, weil er glücklich ist, dass der Herr Generaldirektor einen überhaupt zur Kenntnis nimmt. Die „Gläubigkeit“ und Folgsamkeit ist eher gering bis gar nicht ausgeprägt. Jeder, der mag, kann einem symbolisch gegen das Schienbein treten und diese Möglichkeit nutzen die meisten auch.

Entscheidungen treffen sich heute nicht mehr wirklich per Anordnung. Aber wie sieht es mit dem Machen aus? Das muss man doch ausschließlich den Mitarbeitern überlassen. Arbeitet man selbst noch an konkreten Projekten oder nur noch an der nächsten Rede (falls nicht sogar die auch von einem Sekretär vorbereitet wird)? Minister kommen und gehen, in den Ministerien aber sitzen die Menschen, die Politik konkretisieren. Und noch selten hat ein Wechsel eines Vorstands einen Wechsel in der Geschäftspolitik eines Konzerns bewirkt.

Es wird gemeinhin laut beklagt, dass Frauen zu wenig in solchen Führungspositionen vertreten sind. In eigentümergeführten Unternehmen hingegen gibt es durchaus viele Frauen an der Spitze. Nämlich da, wo es nicht um Politik und den Erklärbären geht, sondern vielleicht tatsächlich noch ums Gestalten, Anpacken, Umsetzen. Da wo Selbstverwirklichung noch funktioniert?

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