(Kein) Tanzverbot am Karfreitag?

289785_web_R_K_by_Rolf Kühnast_pixelio.deUnsere Traditionen sind zumeist religiös induziert. Fast alle Feiertage stammen aus unserem christlichen Kontext. Heute sind viele Deutsche aber nicht mehr gläubig. Und wenn sie es sind, sind sie meist nicht fromm, sie führen kein von der Religion bestimmtes Leben. Junge Leute kennen die ursprüngliche Bedeutung von christlichen Feiertagen kaum noch. Sie kennen die Feste, die dem Handel besonders wichtig sind. Eher sind ihnen aus den USA importierte Festivitäten geläufig als mit der deutschen Kultur verbundene. Sie kennen den rot-gewandeten Weihnachtsmann, dessen Schlitten von Rentieren über den Himmel gezogen wird, sie kennen den Valentinstag, der gar kein Feiertag (mehr) ist, aber offenbar sehr wichtig für die Partnerschaft, und sie wissen, welcher Tag ist, wenn sich Ende Oktober die Menschen gruselig verkleiden. St. Nikolaus und Knecht Ruprecht hingegen sind Geister einer Vergangenheit, die Schulterzucken hervorrufen, wenn man nach ihnen fragt.

Ich bin aufgewachsen in einer Zeit, in der christliche Traditionen unseres Sprachraums uns noch dominanter durch unser Leben führten. Man wurde nicht mehr verbannt und  zumindest in der Stadt  blieb das Mobbing aus, wenn man sonntags nicht zur Kirche ging. Das Bürgertum fühlte sich aber immer noch mehrheitlich verpflichtet, sich den Ritualen zu unterwerfen. Und es hatte ja auch viel Schönes, zur Kommunion oder Konfirmation zu gehen oder seine Kinder hinzuschicken und die Verwandtschaft anschließend mit Sahnetorte abzufüttern. Nicht jeder war von allen Formalien begeistert und manch Kind musste mehr oder weniger sanft gezwungen werden. Aber auch das gehörte dazu: wir lernten, dass nicht alles im Leben Spaß machen würde, es aber auch kein Verderben ist, mal etwas zu tun, das einem aufgezwungen wurde. Und auch, dass das Erzwungene nicht immer schlimm ist, wenn man sich der Situation mal gestellt hat.

Dennoch haben wir uns immer stärker gegen diese Zwänge aufgelehnt. Ich nehme mich nicht aus. Ich selbst bin schon lange nicht mehr Kirchenmitglied, von Frömmigkeit kann keine Rede sein, liegt primär am fehlenden Gottglauben. Die wenigsten folgen heute einer Regel, weil sie überzeugt sind, sondern nur, weil sie müssen. Das gilt für Gesetze genauso wie für Gebote oder gesellschaftliche Rituale/ Gepflogenheiten. Wir haben uns als Individuen befreit. Zuerst und endgültig von einem strafenden Gott. Gegen die Willkür von Behörden und Sicherheitskräften haben wir ausreichend Gesetze erlassen. Wir fürchten in unseren Breitengraden im Grunde nichts mehr. Außer vielleicht, nicht genug Geld zu verdienen, aber das ist eine andere Geschichte.

Doch offenbar geht die Befreiung manchen noch nicht weit genug. Sie möchten sich nicht einem Tanzverbot an den stillen Tagen unterwerfen. Was wahrscheinlich vor allem daran liegt, dass diese Leute nicht wissen, was ein stiller Tag ist. Da sie selbst die Tradition nicht pflegen, wollen sie sich durch die Tradition ihrer christlichen Nachbarn nicht einschränken lassen. Bezeichnenderweise fordert niemand der Wunschtänzer, dass der Feiertag abgeschafft würde und sie arbeiten gehen könnten.

Wie gesagt, auch ich bin nicht fromm und praktiziere Feiertage kaum bis gar nicht. Aber der Karfreitag ist einer der höchsten christlichen Feiertage und noch gibt es Menschen, denen er etwas bedeutet. Es ist Jesus‘ Todestag. Das kann ich respektieren und mich angemessen verhalten. Ich muss keine laute Party feiern, während andere sich besinnen und trauern.

Deutschland hat Angst vor Überfremdung durch Zuwanderung? Vielleicht sollten wir uns lieber fragen, ob wir es nicht selbst sind, die sich entfremden. Von unseren eigenen Traditionen.

Bildnachweis: Rolf Kühnast / pixelio.de

Advertisements
Dieser Beitrag wurde unter Gesellschaft, Religion, Tradition abgelegt und mit , , , , verschlagwortet. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s